| Aktuell, In eigener Sache, Jubiläum Der Ehrenamtspreis des Flüchtlingsrat NRW e.V. – Ein Rückblick zum 10-jährigen Bestehen
Bereits zum sechsten Mal würdigt der Flüchtlingsrat NRW im November mit seinem Ehrenamtspreis Menschen und Initiativen, die sich in Nordrhein-Westfalen für Flüchtlinge und Schutzsuchende einsetzen. Der Preis macht das Engagement dieser Menschen, das sonst so oft im Hintergrund und unbemerkt von der Gesellschaft verwirklicht wird, sichtbarer und zeigt, was im Alltag häufig selbstverständlich erscheint, aber alles andere als selbstverständlich ist: Menschen begleiten Flüchtlinge zu Behörden, helfen beim Erlernen der fremden Sprache, schaffen Begegnungsräume, unterstützen bei der Arbeits- oder Wohnungssuche, organisieren Freizeitangebote und setzen sich politisch für die Rechte von Flüchtlingen ein. Nicht weil sie sich davon eigene Vorteile versprechen, sondern als Teil einer Solidargesellschaft, die sich aktiv gegen Vorurteile und Ausgrenzung stemmt.
Die Preisverleihung zu Ehren dieser Menschen findet am 22.11.2026 in der Zeche Carl in Essen statt. Gemeinsam mit Amnesty International zeichnet der Flüchtlingsrat NRW hier eine Initiative oder Einzelperson aus, deren Engagement die Jury besonders überzeugt und bewegt hat. Die Preisträgerin erhält auch dieses Jahr ein Preisgeld von 500 Euro sowie eine eigens für den Ehrenamtspreis geschaffene Preisskulptur.
Doch im Mittelpunkt stehen wird dabei nicht allein die Gewinnerin. Der Ehrenamtspreis steht stellvertretend für die vielen Menschen in Nordrhein-Westfalen, die sich tagtäglich für Flüchtlinge und Schutzsuchende einsetzen. Die bisherigen Preisverleihungen haben gezeigt, wie unterschiedlich dieses Engagement aussehen kann und wie viel erreicht werden kann, wenn Menschen Verantwortung übernehmen und sich für ein gelebtes Miteinander einsetzen. Daher schaut der Flüchtlingsrat kurz vor Beginn der Vorstellungen der diesjährigen Nominierten zurück und setzt sich noch einmal mit den ehemaligen Gewinnerinnen auseinander.
Fünfmal ausgezeichnetes Engagement und
fünf beeindruckende Geschichten
Seit der ersten Verleihung im Jahr 2016 wurden bereits fünf Initiativen mit dem Ehrenamtspreis des Flüchtlingsrats NRW ausgezeichnet. Ihre Geschichten zeigen die ganze Bandbreite ehrenamtlicher Flüchtlingsarbeit in Nordrhein-Westfalen. (Für jede Preisverleihung gibt es einzelne, ausführlichere Dokumentation auf der Website des Flüchtlingsrat NRW e.V., dieser Artikel bildet lediglich eine Zusammenfassung ab)
2016: Flüchtlinge werden Nachbarn in Ense – Engagement auf Augenhöhe
Den Anfang machte 2016 die Initiative „Flüchtlinge werden Nachbarn in Ense e. V.“. Vor über einhundert Gästinnen wurde der Verein als erster Gewinner ausgezeichnet und das mit gutem Grund: Der Verein war ursprünglich aus einer Bürgerinitiative hervorgegangen, die sich in der Gemeinde Ense im Kreis Soest für die Einbindung von Flüchtlingen in das Gemeindeleben einsetzte.
Ausgangspunkt war ein Schulprojekt, bei dem Schülerinnen und Schüler sich mit der Situation von Flüchtlingen in ihrer Gemeinde beschäftigten. Daraus entwickelte sich eine Bürgerinitiative, die schnell ein breites Unterstützungsnetzwerk aufbaute. Gemeinsame Fußball- und Spielenachmittage, ein Kleiderbasar und eine Fahrradbörse gehörten ebenso dazu wie zahlreiche weitere Aktivitäten. Rund 40 Menschen engagierten sich damals regelmäßig in unterschiedlichen Arbeitsgruppen.
Die Jury überzeugte insbesondere der Ansatz, Flüchtlinge nicht lediglich als Empfängerinnen von Hilfe zu betrachten, sondern ihnen Begegnung und Teilhabe auf Augenhöhe zu ermöglichen. Zugleich scheute sich die Initiative nicht, gegenüber Politik und Behörden kritisch aufzutreten und sich für nachhaltige Veränderungen einzusetzen. Gerade im ländlichen Raum sei diese Arbeit mit besonderen Herausforderungen verbunden, so die damalige Begründung.
Aus einem zeitlich begrenzten Schulprojekt entstand eine langfristig aktive Initiative, getragen von der Idee der „Hilfe zur Selbsthilfe“ und dem Anspruch, aus zunächst Fremden Nachbarinnen und Nachbarn zu machen.
2018: Ausländerinitiativkreis Bedburg-Hau – Hilfe zur Selbsthilfe
Zwei Jahre später ging der Ehrenamtspreis an den Ausländerinitiativkreis der Katholischen Kirchengemeinde Heiliger Johannes der Täufer in Bedburg-Hau. Die Initiative war zu diesem Zeitpunkt bereits seit 1993 aktiv und hatte über Jahrzehnte hinweg Strukturen aufgebaut, die Flüchtlingen Teilhabe und Unterstützung ermöglichten. Unter dem Leitgedanken „Hilfe zur Selbsthilfe“ ging es dabei nicht nur um konkrete Unterstützung im Alltag, sondern auch um Begegnung und kulturellen Austausch zwischen Flüchtlingen und der örtlichen Bevölkerung.
Besonders bemerkenswert war die kommunalpolitische Wirkung der Initiative: Durch ihren langjährigen Einsatz konnte sie unter anderem dazu beitragen, dass in Bedburg-Hau eine Integrationsbeauftragte eingestellt und das Sachleistungsprinzip abgeschafft wurde. Damit steht die Preisträgerin von 2018 beispielhaft für eine Form des Ehrenamts, die weit über individuelle Unterstützung hinausgeht: Ehrenamtliche können auch kommunale Strukturen verändern und langfristig bessere Bedingungen für Flüchtlinge schaffen.
Besonders hervozuhaben ist an dieser Stelle, dass diese Initiative mehr als zwei Jahrzehnte kontinuierliches Engagement, das konkrete Hilfe mit gesellschaftlicher Begegnung und kommunalpolitischem Einsatz verband, kontinuierlich aufrecht erhielt. Ein Projekt, das zeigt, dass nachhaltige Hilfe vor allem Kontinuität und Stabilität braucht um Großes zu erreichen.
2020: SOFRA Cologne – Empowerment und ein sicherer Raum
Der dritte Ehrenamtspreis wurde 2020 vergeben, allerdings aufgrund der Corona-Pandemie erst durch eine Preisverleihung am 26.06.2021 ausgezeichnet. Die Auszeichnung ging an SOFRA Cologne, eine selbstorganisierte Initiative von LSBTIQ-Flüchtlingen und ehrenamtlich Unterstützenden in Köln.
SOFRA Cologne schafft einen Raum, in dem LSBTIQ-Flüchtlinge zusammenkommen, sich austauschen und Unterstützung und endlich Akzeptanz erfahren können. Die Initiative verbindet soziale Begegnung mit Empowerment und dem Aufbau eigener Unterstützungsstrukturen. Bei den regelmäßigen Treffen kamen damals 40 bis 80 LSBTIQ-Flüchtlinge und Migrantinnen zusammen. Zusätzlich wurden monatlich etwa 10 bis 15 LSBTIQ-Flüchtlinge im Rahmen des Case Managements unterstützt.
Die Jury würdigte damit insbesondere eine Form des Engagements, bei der die Betroffenen selbst eine zentrale Rolle einnehmen. SOFRA Cologne zeigt, wie wichtig Räume sind, in denen Menschen ihre Erfahrungen teilen, sich gegenseitig stärken und gemeinsam gegen erlebte Ausgrenzung und Stigmatisierung vorgehen können.
SOFRA Cologne verbindet Selbstorganisation, Empowerment und konkrete Unterstützung und schafft damit eine wichtige Struktur für Menschen, die aufgrund von Herkunft und sexueller Orientierung oder Identität sogar mehrfach von Ausgrenzung betroffen sein können.
2022: Flüchtlingshilfe Rechtes Weserufer–Hafenschule Minden – Begegnung, Unterstützung und Zusammenhalt
Im Jahr 2022 erhielt die Flüchtlingshilfe Rechtes Weserufer–Hafenschule aus Minden den Ehrenamtspreis. Die Initiative entstand 2015 aus der spontanen Unterstützung von Flüchtlingen, die in der ehemaligen Hafenschule am Rechten Weserufer untergebracht waren. Aus dieser ersten Hilfe entwickelte sich eine dauerhaft aktive Flüchtlingsinitiative und ein Begegnungsort für Menschen unterschiedlicher Herkunft.
Das Angebot umfasst unter anderem Deutschunterricht, soziale und kulturelle Angebote, Unterstützung im Alltag und spezielle Angebote für Frauen. Auch die Zusammenarbeit mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteurinnen gehört zum Engagement der Initiative. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf alleinstehenden Männern und damit auf einer Gruppe, die in der öffentlichen Wahrnehmung und in Unterstützungsangeboten häufig weniger Aufmerksamkeit erhält. Genau dieser Aspekt gab nach Angaben der Jury letztlich den Ausschlag für die Auszeichnung.
Die Flüchtlingshilfe Rechtes Weserufer zeigt damit, wie aus spontaner Hilfe dauerhafte Strukturen entstehen können. Heute verbindet die Initiative Menschen verschiedener Herkunft und Generationen und schafft Möglichkeiten für Begegnung, Austausch und gemeinsames Engagement.
2024: Flüchtlingshilfe Sevelen – Ein Café als Ort der Solidarität
Die bisher letzte Preisträgerin ist die Flüchtlingshilfe Sevelen aus Issum. Sie erhielt den Ehrenamtspreis 2024 im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung in der Zeche Carl in Essen.
Seit 2016 betreibt die Initiative mit dem Café Welcome einen festen Anlauf- und Begegnungsort für Schutzsuchende. Gerade in einer ländlichen Region, in der Regelangebote zur Unterstützung häufig fehlen, ist ein solcher Ort von besonderer Bedeutung. Die Ehrenamtlichen lassen sich dabei auch von schwierigen Rahmenbedingungen nicht entmutigen. Trotz Ressentiments innerhalb der Dorfgemeinschaft und fehlender kommunalpolitischer Rückendeckung setzt sich die Flüchtlingshilfe Sevelen für Toleranz, Respekt und gesellschaftliche Teilhabe ein. Sie engagiert sich zudem im Issumer Bündnis gegen Rechts.
Die Jury hob insbesondere den „harten Kern“ von Ehrenamtlichen hervor, der die Willkommenskultur vor Ort auch unter schwierigen Bedingungen aufrechterhält. Mit Projekten wie einer geplanten Jobbörse schafft die Initiative darüber hinaus konkrete Möglichkeiten für gesellschaftliche und berufliche Teilhabe.
Die Flüchtlingshilfe Sevelen zeigt, dass ein lokaler Begegnungsort gerade dort, wo professionelle Unterstützungsangebote nur begrenzt vorhanden sind zu einem wichtigen Anker für Schutzsuchende werden kann.
Ein Fazit:
So unterschiedlich die bisherigen Preisträgerinnen auch sind, einige Gemeinsamkeiten ziehen sich durch die Geschichte des Ehrenamtspreises:
Sie schaffen konkrete Unterstützung:
Ob Begleitung im Alltag, Sprachunterricht, Begegnungsangebote, Beratung oder Unterstützung bei der Arbeits- und Wohnungssuche: ehrenamtliches Engagement kann ganz unmittelbar den Einzelnen vor Ort helfen und Leben verändern.
Sie schaffen Begegnung:
Viele der ausgezeichneten Initiativen bringen Menschen zusammen und schaffen sichere Räume, in denen Kontakte entstehen und Vorurteile abgebaut werden können.
Sie stärken eine Begegnung miteinander auf Augenhöhe:
Ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit bedeutet nicht nur, Hilfe anzubieten. Besonders nachhaltig ist Engagement dort, wo Flüchtlinge selbst ihre Interessen einbringen, eigene Strukturen aufbauen und ihre gesellschaftliche Teilhabe mitgestalten können.
Sie verändern Strukturen:
Die bisherigen Preisträgerinnen zeigen, dass ehrenamtliches Engagement auch politisch wirken kann – durch Öffentlichkeitsarbeit, kommunalpolitische Einmischung, Netzwerkarbeit oder den sichtbaren Einsatz gegen Rassismus und Ausgrenzung.
Und sie bleiben dran:
Viele der ausgezeichneten Initiativen sind über Jahre aktiv. Sie zeigen damit, dass Solidarität keine kurzfristige Reaktion auf einzelne Krisen sein muss, sondern langfristig gesellschaftliche Veränderungen bewirken kann.
Ehrenamtspreis 2026 – Der Ausblick auf die Veranstaltung im November
Auch 2026 hat die Jury aus zahlreichen Bewerbungen wieder acht Initiativen und Einzelpersonen ausgewählt. Sie stehen erneut stellvertretend für die vielen Menschen in Nordrhein-Westfalen, die sich für Flüchtlinge und Schutzsuchende einsetzen, auf einer Bühne, die der Flüchtlingsrat NRW e.V. ihnen bereitet.
Im Rahmen der Preisverleihung am 22.11.2026 in der Zeche Carl in Essen werden die acht Nominierten mit Videoporträts vorgestellt. Eine von ihnen wird am Ende den Ehrenamtspreis 2026 erhalten und das Preisgeld entgegennehmen dürfen. Begleitet wird die Verleihung auch dieses Mal wieder von einem bunten Programm mit musikalischer Darbietung und künstlerisch-kreativen Lesungen.
Ab dem 14.09.2026 wird vorab jede Woche eine der acht Nominierten auf den Social-Media-Kanälen des Vereins vorgstellt. Woche für Woche zeigt sich dort, wer hinter den nominierten Initiativen und Personen steht und was sie leisten. Der Flüchtlingsrat NRW möchte damit nicht nur die Nominierten bekannt machen, sondern zugleich zeigen, wie vielfältig ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit in Nordrhein-Westfalen ist: Sie findet in großen Städten ebenso statt wie in kleinen Gemeinden, in Vereinen und Initiativen, in Begegnungscafés, Beratungsangeboten und Selbstorganisationen und überall dort, wo Menschen sich entscheiden, nicht wegzusehen, sondern Verantwortung zu übernehmen. Neben vielen einmaligen Initiativen sind dieses Mal auch mehrere Einzelpersonen mit inspirierenden Lebensläufen und ihrer ganz eigenen Geschichte im Zusammenhang mit der ehrenamtlichen Arbeit nominiert.
Folgen Sie dem Flüchtlingsrat auf seinen Social-Media-Kanälen und lernen Sie ab dem 14.09.2026 jede Woche eine der acht Nominierten kennen!
Denn Ehrenamt macht einen Unterschied. Für Menschen. Für Rechte. Für alle.