| Aktuell, In eigener Sache, Jubiläum 40 Jahre FRNRW: Mitglieder-Interview mit Michael Stoffels
Im Februar unseres Jubiläumsjahres beschäftigen wir uns mit der Geschichte des Flüchtlingsrat NRW e.V. und schauen gemeinsam mit einigen unserer Mitglieder zurück. Bei dieser Gelegenheit haben wir einige von Ihnen interviewen dürfen.
Herr Michael Stoffels ist ehemaliger Lehrer und ein langjähriges Mitglied des Flüchtlingsrats NRW e.V. Der Pädagoge aus Kempen hat bis zu seiner Pensionierung Sozialwissenschaften und Deutsch in Meerbusch gelehrt. Neben seiner Tätigkeit für uns war er auch ab der Gründung beim Flüchtlingsrat Kreis Neuss engagiert und arbeitete im Asylarbeitskreis in Meerbusch mit. Herr Stoffels hat nicht nur in der Flüchtlingssolidaritätsarbeit gearbeitet, sie beeinflusste auch darüber hinaus fast jeden Aspekt seines Lebens: Schon in den frühen Zeiten seines Engagements teilte er wenn nötig auch seine private Wohnung mit Flüchtlingen, betreute insbesondere auch unbegleitete Jugendliche und blieb über die Jahre mit Vielen in Kontakt. Einer seiner ehemaligen Schutzbefohlenen, ein Junge aus Sri Lanka, ist mittlerweile erwachsen, längst verheiratet und hat selbst Kinder, für die Michael Stoffels als Großvater fungiert. Er selbst hat einen Sohn adoptiert, der im Kongo geboren wurde und ihm mittlerweile weitere vier Enkel beschert hat.

Herr Stoffels hat sich die Zeit genommen, um mit uns über sein Leben, seine Arbeit und sein Engagement beim Flüchtlingsrat NRW e.V. zu sprechen:
Wie sind Sie zum Flüchtlingsrat NRW e.V. gekommen?
Ich bin nicht dazu gekommen, ich war unmittelbar bei der Entstehung dabei. Schon seit den allerersten Anfängen, schon vor der offiziellen Gründung in Mülheim vor 40 Jahren: Nach einer von mir in den 80er Jahren organisierten Veranstaltung zur damaligen Situation in Sri Lanka trat ein junger Mann, der Günter Haverkamp, an mich heran. Er fragte, ob es nicht eine Idee wäre, wenn die Asylarbeitskreise, die sich an verschiedenen Stellen um Neuss herum gebildet hätten und mit denen ich in Kontakt stand, sich organisatorisch vernetzen würden. Kurz und gut: Es kam dann zu einem ersten gemeinsamen Treffen diverser Initiativen im Kreis Neuss, zwar großstadtnah, aber interessanterweise in einer ländlichen Region. Vielleicht, weil Unterkünfte und Flüchtlinge dort eher auffielen und nicht im großstädtischen Betrieb untergingen. Da gab es keine gesellschaftliche Diskriminierung und Feindseligkeit gegenüber Flüchtlingen, sondern bald ein großes positives Interesse.
Insofern bin ich dem Flüchtlingsrat NRW nicht beigetreten, sondern war in den Entstehungsprozess von Beginn an eingebunden. Zunächst versammelte man sich im Kreis Neuss, dann bald in der Privatwohnung von Günter Haverkamp mit einer Geschäftsstelle in Meerbusch. Schließlich trafen wir uns dann bis ungefähr im Jahr 2001 in Dülmen, meiner Erinnerung nach auch eine Zeit lang in der Zeche Carl und danach in eigenen Räumen in der Zeche Zollverein.
Wie waren oder sind Sie aktiv im Flüchtlingsrat NRW e.V. engagiert?
Ich war der Vertreter des Kreises Neuss im Flüchtlingsrat NRW. Ich war auch im Vorstand, ungefähr um die Jahrtausendwende. Als Vorstandsmitglied habe ich auch Krisensituationen erlebt, wie die Teilung in Flüchtlingsrat NRW e.V. und AK Asyl. Damals haben wir viele Verhandlungen geführt, um wieder zusammen zu kommen. Und letztendlich haben wir die Spaltung rückgängig machen können.
Ich persönlich habe mich in den 90er Jahren besonders mit den Roma beschäftigt. In dem Zusammenhang erinnere ich mich noch besonders gut an einen besonderen Abschiebungsfall: Da ging es um einen mehrfach behinderten Roma-Jungen. Wir sind für ihn bis zum damaligen Ministerpräsidenten gegangen, aber er wurde dennoch abgeschoben. Ich habe es dann durch Schreiben an diverse Minister geschafft, die Rückkehr des Jungen nach Düsseldorf durchzusetzen. Dazu habe ich für den Jungen eine Verpflichtungserklärung unterschrieben. Der Junge hat dann hier studiert. Sogar als erster Roma-Student überhaupt! Heute ist er Integrationsbeauftragter bei der Stadt Wuppertal. Mein Engagement fand in der Öffentlichkeit große Resonanz, sowohl in der Presse als auch im Fernsehen. Ich hatte dann viele Auftritte im Fernsehen und die Tagesschau hat eine Reise mit mir nach Mazedonien organisiert und einen Film über den Fall gedreht.
Woran ich mich auch noch erinnere, ist der Aufbau eines großen Protestlagers der Roma beim Landtag. Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Jahr das war, aber die Menschen zelteten dort über Monate lang. Durch die Grünen konnten wir immer in den Landtag und dort unsere Sitzungen und Versammlungen zu dem Thema der Roma abhalten. Das war schon verrückt. Ich habe auch direkt mit Politikerinnen korrespondiert, wie zum Beispiel mit der erst kürzlich verstorbenen Rita Süssmuth. Und sonst habe ich für den Flüchtlingsrat NRW an Demonstrationen mit mehreren 1.000 Leuten teilgenommen, wie eine der Roma in Köln. Diese Veranstaltung ist mir bis heute noch gut in Erinnerung geblieben.
Der Flüchtlingsrat hat sich hierdurch auch in den 90er Jahren mit der Situation der Roma beschäftigt und ich war dabei die Verbindungsfigur und der Vertreter des Flüchtlingsrates und habe Reden für ihn bei Großdemonstrationen und anderen Veranstaltungen gehalten.
Was hat Sie damals motiviert, beim Flüchtlingsrat NRW e.V. aktiv zu werden?
Das fing ganz früh an, wir waren einfach eine neue Gruppe, die sich in diversen Kommunen und Städten engagiert hat. Aber früher waren Viele eher caritativ eingestellt als politisch. Daher habe ich mich für den Flüchtlingsrat NRW entschieden. Auch Pro Asyl steckte da noch ganz in den Anfängen. Der Asylkompromiss hat uns dann später noch zusätzlich mobilisiert. Da kam dann ein regelrechter Schub aus Protest und Demonstrationen in der Gesellschaft. Und das war direkt eine ganz enge Gemeinschaft, da gab es nie ein „Sie“, wir haben uns alle geduzt. Das zeigte Gemeinsamkeit, wir hatten alle ein gemeinsames Anliegen (lacht).
Wie haben Sie die Arbeit des Flüchtlingsrates NRW e.V. in Ihrer Zeit bei uns erlebt, was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Das Thema Asyl und Flüchtlinge erhielt durch die Vernetzung auf Landesebene eine deutlich politischere Qualität als es in den kommunalen Asylarbeitskreisen oft der Fall war. Die waren meist gemäßigter und die Stimmung beim Flüchtlingsrat NRW war mehr mit Widerstand verbunden. Besondere Aktionen fallen mir leider nicht mehr ein, oder eine besondere Kampagne. Aber es gab viele. Der Flüchtlingsrat NRW war in einer schwierigen Situation, weil er nicht so unmittelbar an Fällen beteiligt ist, er wird ja eher mittelbar tätig.
Was hat sich aus Ihrer Sicht an der Lage von Flüchtlingen in NRW in den vergangenen Jahrzehnten verbessert und wo sehen Sie bis heute Kontinuitäten?
Die Situation für Flüchtlinge war ähnlich schwierig wie heute. Dies lässt sich an der bislang am meisten einschneidenden politischen Veränderung festmachen, dem sogenannten Asylkompromiss, heißt der Abschaffung des Grundrechts auf Asyl aus Art. 16 GG und dessen Ersetzung durch den Art. 16a. So sehe ich mehr Kontinuitäten als Verbesserungen. Positive Entwicklungen wie die Stärkung der Familienzusammenführung, verkürzte Einbürgerungszeiten oder Aufnahmeprogramme werden einkassiert und durch negative Entwicklungen abgelöst.
Welche Rolle spielte der Flüchtlingsrat NRW e.V. im Laufe seiner Geschichte aus Ihrer Sicht in politischen oder gesellschaftlichen Auseinandersetzungen?
Die Vernetzung der Asylarbeitskreise in einem landesweiten Flüchtlingsrat ist wichtig, um Informationen zur landes- und bundesweiten Flüchtlingspolitik in den Asylarbeitskreisen zu verbreiten. Mit solchen Informationen kann das auf kommunaler Ebene Erfahrene in einen größeren politischen Zusammenhang gestellt werden. Das ist gerade in einer Zeit wichtig, in der sich die Asylgesetzgebung immer weiter verschärft und unser Widerstand dagegen herausgefordert ist. Daher ist der Flüchtlingsrat NRW e.V. unbedingt wichtig und spielt eine große Rolle, auch um politisch ernst genommen zu werden. Davon profitieren auch die kommunalen Arbeitskreise, denn ohne ihn würden sie ein gutes Stück an Bedeutung verlieren. Außerdem erfüllt er eine repräsentative Aufgabe auf Landesebene, so wie Pro Asyl auf der bundesweiten Ebene.
Was würden Sie Menschen mitgeben, die sich heute im Flüchtlingsrat NRW e.V. oder in der Flüchtlingsarbeit engagieren?
Ich würde die jüngere Generation ansprechen wollen. Viele Mitglieder sind schon älter und der Nachwuchs fehlt. In den 80er und 90er Jahren waren die Engagierten jung und jetzt sind wir praktisch alt geworden und die Jungen sind nicht in der Weise da, wie wir es brauchen würden. Das ist meiner Meinung nach ein ganz zentrales Problem. Wir brauchen jüngere Menschen, aber wir müssen sie animieren, denn man kann sie nicht zwingen. Hier sehe ich Parallelen zu der Umweltproblematik.
Ich möchte den jungen Menschen sagen: Man kann nicht alles machen, aber man kann anfangen und an irgendeinem Punkt ansetzen, der einen aufregt. Wenn man darüber wütend wird, dann macht man auch etwas und kann die Dinge verändern.
Was wünschen Sie dem Flüchtlingsrat NRW e.V. für die kommenden 40 Jahre?
Ich wünsche ihm möglichst viel öffentliche politische Präsenz und dass er getragen wird von kommunalen politischen Gruppierungen, weil von denen ja auch die Wirkung des Flüchtlingsrats NRW abhängt. Auch wünsche ich ihm rege Beteiligung an den Treffen, Vertretungen vor Ort und dass die Leute sich bemüßigt fühlen, dorthin zu gehen und politisches Bewusstsein haben.
Man muss die Zeit gerade durchhalten, bis wieder mehr Aktionismus in der Gesellschaft entsteht und dann sind die Strukturen schon da.

