| Aktuell, In eigener Sache, Jubiläum 40 Jahre FRNRW: Mitglieder-Interview mit Gerhard Greiner

Im Februar unseres Jubiläumsjahres beschäftigen wir uns mit der Geschichte des Flüchtlingsrat NRW e.V. und schauen gemeinsam mit einigen unserer Mitglieder zurück. Bei dieser Gelegenheit haben wir einige von Ihnen interviewen dürfen.

Gerhard Greiner ist Flüchtlingspfarrer im Ruhestand, 74 Jahre alt und ein langjähriges Mitglied des Flüchtlingsrats NRW e.V. Er war Ende der 80ziger Jahre Gemeindepfarrer in Duisburg-Bruckhausen, wo er eine Flüchtlingsfamilie aus der heutigen demokratischen Republik Kongo kennenlernte. So kam er zur Flüchtlingsarbeit. Anfang 1993 begann er beim Ev. Kirchenkreis Dinslaken als Flüchtlingspfarrer.

Vor allem war er in der Beratung und Betreuung von Flüchtlingen tätig, was normalerweise gesondert geschulten Sozialarbeiterinnen obliegt. „Ich habe mich dann eben in die Gesetze und Verordnungen eingegraben“, berichtet er von seiner Arbeit. „Ich denke, dass es eine Besonderheit war, dass ich den Behörden als Pfarrer gegenübergetreten bin. Das hatte eine andere Wirkung.“

Er berichtet uns in unserem Gespräch auch von Einzelfällen, die er begleitet hat. Nur ein Beispiel von vielen war ein Kirchenasyl ca. im Jahr 1993. Nach seiner Erinnerung hat sich die zuständige Behörde in Dinslaken geweigert, einen erneuten Asylantrag anzunehmen. „Da ging es um eine kurdische Familie aus der Türkei. Gemeinsam mit einem Landtagsabgeordneten der Grünen konnten wir die Möglichkeit der Antragstellung dann doch durchsetzen.“ In der selben Zeit fand er zum Flüchtlingsrat NRW. Auch heute ist er aus dem Ruhestand heraus noch aktiv und setzt sich ehrenamtlich im Rahmen des Ev. Kirchenkreises ein, zuletzt zum Thema Bezahlkarte. 

Er hat sich die Zeit genommen, uns ein paar Fragen zu beantworten und uns von seiner Geschichte mit dem Flüchtlingsrat NRW zu erzählen. 

 

 

Wie sind Sie zum Flüchtlingsrat NRW e.V. gekommen?

Ich habe den Flüchtlingsrat NRW schon vor der Jahrtausendwende kennengelernt. Ich habe leider kein gutes Zeitgedächtnis mehr, aber ich erinnere mich noch genau an einen Fall aus dieser Zeit. Als Gemeindepfarrer in Duisburg-Bruckhausen kam ich in Kontakt mit einer Familie mit einem schwerbehinderten Kind, deren Asylgesuch abgelehnt wurde. Die Familie stammte aus der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Gemeinsam mit einer Ehrenamtlichen habe ich mit dem damaligen Innenminister Herbert Schnoor über diese Situation gesprochen. Herr Schnoor war ein sehr liberaler Mensch und er hat sich dann für die Familie eingesetzt.

In dieser Zeit war ich dann auch im Flüchtlingsrat Duisburg engagiert und habe mich über diesen und ähnliche Fälle austauschen wollen. Und dort hat immer eine Frau von den Treffen beim Flüchtlingsrat NRW berichtet. Das fand ich sehr spannend und so kam der Kontakt zustande. 

 

Wie waren oder sind Sie aktiv im Flüchtlingsrat NRW e.V. engagiert?

Ich habe auf viele Arten mitgearbeitet und war eine Zeit lang in den neunziger Jahren einer der Sprecher des Flüchtlingsrats NRW e.V., aber ich habe mittlerweile auch vieles wieder vergessen. An zwei Dinge erinnere ich mich noch ganz genau:

Einmal an eine Veranstaltung in der Ev. Akademie Mülheim (die es heute nicht mehr gibt), wo ich den Flüchtlingsrat NRW in einem Podiumsgespräch mit Landesinnenminister Franz-Josef Kniola (SPD) zur Abschiebung von bosnischen Flüchtlingen nach Bosnien – Herzegowina vertreten habe. 

Ein anderer Höhepunkt war eine Aktion, die ich gemeinsam mit Ingrid Just aus Mülheim durchgeführt habe. Wir hatten damals überlegt, dass wir mit Flüchtlingen aus Bosnien nach Düsseldorf fahren, damit diese dort selbst im, wie es damals noch hieß, Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge, für sich sprechen können. Mit etwa 20 Flüchtlingen saßen wir dann mit Herrn Freier, dem damaligen „obersten Abschieber“ von NRW gegenüber. Das Tolle war: dort standen die Flüchtlinge im Mittelpunkt und konnten sagen, wo es langgeht. Und nicht umgekehrt, wie es sonst der Fall ist. Die Flüchtlinge haben dort viele belastende Situationen vorgetragen, es waren aber auch betreuende Psychologinnen vor Ort. Ich habe noch ganz genau vor Augen, dass der Herr Freier irgendwann anfing zu schlucken. Auf der Rückfahrt im Auto sagte ein älteres Ehepaar zu mir: „Wir haben ja nur an der Spitze gekratzt“. Da dachte ich mir: „Holla, wenn das nur die Oberfläche war.“

 

Was hat Sie damals motiviert, beim Flüchtlingsrat NRW e.V. aktiv zu werden?

Die Motivation war für mich, sozusagen die Einzelfallarbeit und die Politik zusammen zu bringen. Ich wollte nicht nur die einzelne Situation sehen, sondern auch politisch eingreifen. Und ich denke, man kann nur die politische Arbeit machen, wenn man auch die geflüchteten Leute selber kennt, das finde ich total wichtig. Damit man auch weiß, worüber man spricht. 

 

Wie war die Situation für Schutzsuchende im Zeitpunkt Ihres Beitritts?

Ich erinnere mich noch daran, dass mich die Jugoslawien-Kriege sehr geprägt haben damals. Ich hatte in meinem Beratungszimmer eine Karte vom Kosovo hängen und habe in den Gesprächen mit den Leuten deren Herkunftsort auf der Karte gesucht. Ich bin dann auch in den Kosovo und auch nach Bosnien gereist. 

Aber auch generell habe ich noch einige Erinnerungen an diese Zeit und die darauffolgenden Jahre. Das war später etwa die Einführung von Integrationskursen damals unter Bundeskanzler Schröder und Außenminister Fischer. Das wird heute meiner Meinung nach alles wieder eingeschränkt. Ich weiß noch, wie wir uns damals mit dem innenpolitischen Sprecher der SPD, Herrn Wiefelspütz, über die humanitären Aufenthaltsrechte gestritten haben, die die SPD/Grüne Regierung eingeführt hatte, ob das nicht alles zu schwammig formuliert ist. Heute denke ich, wir waren zu hart mit der Politik. Nach meinem Eindruck spielt das Thema Integration heute nur noch eine sehr geringe Rolle. Die Situation damals war eine andere, was nicht heißt, dass damals alles schön und gut war.

 

Was hat sich aus Ihrer Sicht an der Lage von Flüchtlingen in NRW in den vergangenen Jahrzehnten verbessert und wo sehen Sie bis heute Kontinuitäten?

Ich würde schon sagen, dass die Bedingungen heute wesentlich schlechter sind als in den letzten Jahrzehnten. Man schaue sich mal die Abschiebungszahlen an!

Im Ruhestand habe ich nach 2013 einmal eine Arbeitsgruppe bei der Behördentagung moderiert, da hieß es vom Innenministerium: „Wir wollen die höchsten Abschiebungszahlen haben in ganz Deutschland“. Ich hatte das Gefühl, dass die Leute, die das sagten, selbst noch nie einen Flüchtling gesehen hatten. Daran sieht man den Umschwung ganz deutlich, wie es sich ja auch bei Olaf Scholz fortgesetzt hat. 

Ich möchte hier noch einmal die Situation deutlich machen: Die CDU hat ja Anfang letzten Jahres diesen Antrag zur weiteren Verschärfung der Asylpolitik gestellt, dem die AfD zur Mehrheit im Bundestag verholfen hat. Unsere ehemalige Bürgermeisterin (CDU) und spätere Bundestagsabgeordnete sagte nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag öffentlich, dass viele Leute in der CDU mit den Flüchtlingen selbst sprechen sollten und nicht immer über sie. Daran sieht man, in welche Richtung sich die Lage entwickelt hat. 

 

Welche Rolle spielte der Flüchtlingsrat NRW e.V. im Laufe seiner Geschichte aus Ihrer Sicht in politischen oder gesellschaftlichen Auseinandersetzungen?

In meiner Zeit als Sprecher hat er eine ziemlich große Rolle in Hinblick auf die Landesebene gespielt, insbesondere beim Thema Bleiberecht für abgelehnte Asylbewerber. Ich war damals, an die genaue Zeit erinnere ich mich aber nicht mehr, gemeinsam mit einer Frau aus Düren, die damals auch Sprecherin des Flüchtlingsrates NRW war, im Innenministerium und wir haben quasi die Bleiberechtsregelung, die anstand, dem Ministerium diktiert. Die haben mitgeschrieben und das quasi eins zu eins umgesetzt.  Heute ist das leider anders. Aber das liegt an den politischen Voraussetzungen, nicht an der Arbeit des Flüchtlingsrat NRW. Die Einflussnahme ist gerade einfach schwieriger. 

Ein Beispiel hierfür ist Monika Düker, von 2000-2016 flüchtlingspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, die sich voll und ganz für die Lage von Flüchtlingen eingesetzt hat. Das ist meiner Meinung nach kein Vergleich zu Josefine Paul, der Ex-Ministerin. Damals waren die Grünen noch ganz klare Unterstützerinnen der Flüchtlingsszene und auch des Flüchtlingsrats NRW.

Seit jeher war auch Volker Maria Hügel im Flüchtlingsrat NRW engagiert, eine herausragende Stimme für die Anliegen der Flüchtlinge. Der hat auf sehr subtile Weise den Politikerinnen die Meinung gegeigt. Er war bei der GGUA Münster und in der Härtefallkommission NRW, dazu auch Mitglied bei uns und hat häufiger bei unseren Mitgliederversammlungen referiert. In den 90er Jahren waren noch weitere wichtige Aktivistinnen beim Flüchtlingsrat NRW e.V. dabei, zum Beispiel Wolfgang Müller aus Coesfeld. Oder auch seine Frau Margret. All diese Menschen haben viel zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung beigetragen. 

 

Was würden Sie Menschen mitgeben, die sich heute im Flüchtlingsrat NRW e.V. oder in der Flüchtlingsarbeit engagieren?

Ich würde mir wünschen, dass der Flüchtlingsrat NRW ein stärkeres Bündnis mit den Demokratieinitiativen eingeht. Diese Initiativen gibt es landauf und landab, wir haben bei uns zum Beispiel ein Dinslakener Bündnis, wo ich mitarbeite und gegen Rechtsextremistinnen wie z.B. die AfD Stellung beziehe. Diese Zusammenarbeit ist meiner Meinung nach wichtig und das möchte ich jüngeren Menschen, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, raten.

Das andere, was ich wichtig finde ist, dass der Flüchtlingsrat NRW e.V. auch mit Sorge trägt und sich dafür einsetzt, dass Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit psychologische Angebote bekommen. Das war zu meiner Zeit schon nicht einfach, aber es ist heute noch mal eine andere Situation. Die Angriffe auf Flüchtlinge und auch auf Ehrenamtliche, das hat sich schon gewaschen. Mein Gefühl ist, die Leute müssen stärker unterstützt werden. 

 

Was wünschen Sie dem Flüchtlingsrat NRW e.V. für die kommenden 40 Jahre?

Ich wünsche vor allem viel Kraft und Mut, mit der aktuellen Situation klarzukommen und sich gegenseitig zu stärken. Sowohl untereinander als auch mit den Initiativen und zu wissen, wir sind auf der richtigen Seite. Und auch viel Durchhaltevermögen. 

Zurück zur Startseite

Ehrenamtspreis des Flüchtlingsrates NRW

Mit dem Ehrenamtspreis möchte der Flüchtlingsrat NRW das ehrenamtliche Engagement von in der Flüchtlingshilfe aktiven Initiativen und Einzelpersonen in NRW ehren und diese in ihrer Arbeit stärken.

Weitere Informationen zum Ehrenamtspreis finden Sie hier.

Nein zur Bezahlkarte: Ratsbeschlüsse aus nordrhein-westfälischen Kommunen

In dieser regelmäßig aktualisierten Übersicht dokumentiert der Flüchtlingsrat NRW, welche Kommunen sich bisher gegen die Einführung einer Bezahlkarte für Schutzsuchende entschieden haben.

Die Übersicht finden Sie hier.

Keine Propaganda auf Kosten von Flüchtlingen - Neue Arbeitsshilfe und Flyer

Als Flüchtlingsrat NRW fördern wir die Sensibilisierung und Aufklärung der Öffentlichkeit über die Situation von Flüchtlingen und setzen uns aktiv gegen menschenverachtende Ideologien ein, um Propaganda auf Kosten von Flüchtlingen entgegenzuwirken.

Die Argumentationshilfe gegen Vorurteile finden Sie hier.

Den Flyer können Sie hier runterladen. Gegen die Übernahme der Portokosten ist er zudem kostenlos bei uns bestellbar. 

Broschüre zum Engagement für Flüchtlinge in Landesunterkünften

Der Flüchtlingsrat NRW hat die Broschüre „Ehrenamtlich engagiert – für Schutzsuchende in und um Aufnahmeeinrichtungen des Landes NRW“ aktualisiert (Stand September 2025).

Die Broschüre können Sie hier herunterladen.

Kooperations- und Fördermöglichkeiten für flüchtlingsbezogene Veranstaltungen und Projekte

Broschüre des FR NRW, Stand November 2025, zu verschiedenen Institutionen, die fortlaufend für eine finanzielle Unterstützung von flüchtlingsbezogenen Projekten und Veranstaltungen, insbesondere zu flüchtlingspolitischen Themen, angefragt werden können.

Mehr dazu

Forum Landesunterbringung

Neues Webforum "Flüchtlinge in Landesaufnahmeeinrichtungen in NRW (WFL.NRW)" jetzt online!
Das Webforum möchte einen Einblick in die Situation von Flüchtlingen in Landesaufnahmeeinrichtungen ermöglichen.

Das Webforum finden Sie hier.

 

Gefördert u.a. durch: