| In eigener Sache, Publikationen 40 Jahre FRNRW: Mitglieder-Interview mit Hans-Joachim Schwabe

Im Februar unseres Jubiläumsjahres beschäftigen wir uns mit der Geschichte des Flüchtlingsrat NRW e.V. und schauen gemeinsam mit einigen unserer Mitglieder zurück. Bei dieser Gelegenheit haben wir einige von Ihnen interviewen dürfen.

 

 

Herr Hans-Joachim Schwabe ist schon seit der Mitte der 80er Jahre stetig aktiv in der Flüchtlingsarbeit war zwischen 2003 und 2009 Vorstandsmitglied unseres Vereins. Er gibt Flüchtlingen als Sprecher des Asylkreises in der Gemeinde in Schwalmtal eine Stimme und ist auch auf landeskirchlicher Ebene aktiv. Hier ist er zum Beispiel seit vielen Jahren der Informant für die Situation an den EU-Außengrenzen in Richtung Afrika.

„Ich bin für die Arbeit in Gremien der Evangelischen Kirche eigentlich schon zu alt, denn mit 75 Jahren kann man nicht wiedergewählt werden. Aber für mich wurde in diesem Bereich eine Ausnahme gemacht und so bin ich dort noch weiterhin tätig.“ lacht der beinahe 80-jährige während unseres Interviews und beginnt zu berichten. 

Zunächst von seiner Zeit als Initiator für die Gründung des Zentrums „Vivre Espoir- Hoffnung leben für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Oujda (Marokko) an der algerischen Grenze, das allein im letzten Jahr ca. 1.900 unbegleitete minderjährige Flüchtlingen aufgenommen hat. Nicht ohne Stolz erzählt er von seinem Engagement dort seit dem Aufbau im Jahr 2017. „Achim“ Schwabe hilft leidenschaftlich, wo er kann, nicht nur bei uns im Flüchtlingsrat NRW e.V. In dem Gespräch mit uns berichtet er von seinen Beweggründen, erzählt von Minderjährigen, die in Marokko von der Polizei in die Wüste deportiert werden und von dem kirchlichen Engagement vor Ort in Oujda, an dem er mitgewirkt hat. Hauptberuflich hat Hans-Joachim Schwabe für eine große Bank gearbeitet, war dort für das Investmentbanking zuständig und hat hierdurch bedingt viele Reisen unternommen. Seit er gesundheitsbedingt mit 51 Jahren in den Ruhestand gegangen ist, konzentriert er sich auf die Hilfe für Flüchtlinge und andere marginalisierte Gruppen. So hat er mit seiner Ehefrau eine eigene Stiftung ins Leben gerufen und auf seine Initiative hat die evangelische Kirchengemeinde Wassenberg ein heilpädagogisches Zentrum in Pskow, einer Stadt in Russland in der Nähe der estnischen Grenze aufgebaut. Zudem ist er dort auch Mitglied im begleitenden Arbeitskreis. Darüber hinaus ist er ist für die Evangelische Kirche im Rheinland einer der vier offiziellen Ansprechpartnerinnen für das Bundesamt zum Thema Kirchenasyl. Zum Anlass unseres Jubiläums haben wir mit Hans-Joachim Schwabe über seine Geschichte mit dem Flüchtlingsrat NRW e.V. gesprochen: 

 

Herr Schwabe, wie sind Sie zum Flüchtlingsrat NRW e.V. gekommen? 

Ich bin Anfang der 2000er Jahre über ein Kirchenasyl auf den Flüchtlingsrat gekommen, welches zu dieser Zeit viel Furore gemacht hat. Ich wurde über eine kurdisch-türkische Familie informiert, die in einem Kloster Zuflucht gefunden hatten, weil  der Ehemann und die beiden Söhne in die Türkei abgeschoben werden sollten. Die Ehefrau und die beiden Töchter hatten aufgrund der geschlechtsspezifischen Verfolgung in ihrem Heimatland ein Bleiberecht. Wir, als Unterstützerkreis, haben dann beschlossen, in der Nacht vor der Abschiebung Wache zu schieben und zusammen mit den Nonnen gewaltfreien Widerstand zu leisten.  Die Männer der Familie haben wir aus der Wohnung in der Klausur, in der sie für das Kirchenasyl untergebracht waren, in die Kapelle gebracht. Die Frauen sind ihnen gefolgt. Nachts kam dann die Polizei und wollte das Gebäude durchsuchen. Ein Polizist ist in das Gebäude eingedrungen, als eine Ordensschwester die Tür öffnete. Die Polizei hat die Familie dann schließlich in der kleinen Kapelle gefunden. Die Schwestern, die dort Wache hielten, haben Rosenkränze gebetet und gesungen und in der Tür des Raumes stand die Polizei. Dieser Kontrast ist mir bis heute noch vor Augen. Die Ehefrau und die beiden Töchter haben geschrien und wurden mit Notarztwagen abtransportiert.  Die Männer wurden in eine Abschiebehaftanstalt gebracht. Die Mutter wurde stationär für mehrere Wochen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Die beiden Söhne wurden im Nachgang zu diesem Geschehen tatsächlich abgeschoben, ich bin selbst noch im Flugzeug mitgeflogen. In diesem Fall engagierte sich der Flüchtlingsrat NRW ganz massiv. Dadurch fing ich dann auch an, mich im Flüchtlingsrat zu engagieren und bin seit dem 03.01.2002 Mitglied. Ich habe auch noch weitere Fälle wie diesen erleben müssen. 

Wie waren Sie aktiv im Flüchtlingsrat NRW e.V. engagiert? 

Ich war sechs Jahre Mitglied des Vorstandes, unter anderem war ich für die Finanzen zuständig. Das hat sich zwangsläufig durch meinen Beruf ergeben (lacht). Es gab in einigen Jahren meiner Tätigkeit  keine Landesmittel, das waren dann schwierige Zeiten in dieser Position. 

Was hat Sie damals motiviert, beim Flüchtlingsrat NRW e.V. aktiv zu werden? 

Meine Motivation waren solche Fälle wie der eben geschilderte. Mein Engagement entstand auch deshalb, weil ich mich für die Menschenrechte der Flüchtlinge einsetzen will. Unsere Demokratie ist meiner Meinung nach nicht mehr existent, wenn diese Rechte nicht auch für Flüchtlinge gelten. Der Zustand der Demokratie lässt sich daran messen, wie die Politik mit Minderheiten umgeht. 

Wie war die Situation für Schutzsuchende im Zeitpunkt Ihres Beitritts, was ist Ihnen noch in Erinnerung geblieben? 

Ich war hier in Schwalmtal der Fraktionsvorsitzende der SPD. In den 90er Jahren haben Union,  SPD und FDP den Asylkompromiss geschlossen, deshalb bin ich aus der SPD ausgetreten. Heute muss ich feststellen, dass die meisten Parteien ihre Positionen auf eine für mich nicht vertretbare Art verschoben haben. Die Mainstreamparteien sind einfach für mich nicht mehr wählbar. 

Wie haben Sie die Arbeit des Flüchtlingsrates in Ihrer Vorstandszeit erlebt? 

Die Arbeit war sehr anstrengend, auch aufgrund der Personalsituation. Die fehlenden Finanzen waren hierfür verantwortlich. Die Vorstandsmitglieder haben hart gearbeitet, ich war mit den Hauptakteuren aber stets einer Meinung, es war harmonisch. Natürlich gab es unter den Mitgliedern des Flüchtlingsrates  auch vereinzelt solche, die die Arbeit des Vorstands nicht so ernst nahmen und dachten, wir wollen einfach ein bisschen helfen. Meine Hauptmotivation war schon immer die rechtliche Unterstützung der Menschen und die ganzheitliche Hilfe. Und dafür haben wir uns im Flüchtlingsrat NRW immer engagiert eingesetzt.

Was hat sich aus Ihrer Sicht an der Lage von Flüchtlingen in NRW in den vergangenen Jahrzehnten verbessert und wo sehen Sie bis heute Kontinuitäten?

Im Prinzip hat sich die Situation, seit ich im Flüchtlingsrat im Vorstand war, meiner Meinung nach durchgehend verschlechtert. Wir haben nur Erfolge gehabt, indem wir unsere Forderungen mit juristischen Mitteln durchgesetzt haben. Besondere Sorge macht mir die von mir beobachtete Umkehr der Bevölkerung seit 2015. Die vorher bestehende und erfreuliche Willkommenskultur in unserer Gesellschaft hat sich mehrheitlich ins Gegenteil verkehrt. Ursprünglich waren wir bei uns in Schwalmtal über 70 Ehrenamtliche, inzwischen sind wir viel weniger und viele davon zudem im fortgeschrittenen Alter. Das ist eigentlich eine Katastrophe. 

Welche Rolle spielte der Flüchtlingsrat NRW im Laufe seiner Geschichte aus Ihrer Sicht in politischen oder gesellschaftlichen Auseinandersetzungen?

Wir haben eigentlich durch den Flüchtlingsrat immer die Möglichkeit gehabt, zu schauen, wie sieht das denn woanders aus und konnten uns über unsere Fälle juristisch auseinandersetzen. In der Kerngruppe der Mitglieder gab es Juristinnen, die uns immer wieder unterstützt haben. Auch gibt es Untersuchungen durch den Flüchtlingsrat, die uns vor Ort sehr helfen, zum Beispiel zum Thema Nutzungsgebühren für die Unterkunft von Flüchtlingen in verschiedenen Kommunen. Die Vernetzung und Zusammenführung von verschiedenen Initiativen und Engagierten war immer sehr hilfreich für in der Flüchtlingssolidaritätsarbeit engagierten Menschen.

Was würden Sie Menschen mitgeben, die sich heute im Flüchtlingsrat NRW oder in der Flüchtlingsarbeit engagieren? 

Ich möchte Ihnen mitgeben, dass diese Arbeit absolut sinnvoll und fruchtbar ist. Und dass wir durch diese Arbeit hoffentlich unsere nicht mehr existierende Demokratie wiedergewinnen können.

Was wünschen Sie dem Flüchtlingsrat NRW für die kommenden 40 Jahre? 

Weiterhin exzellentes Personal, genügend Mittel um die Aufgaben, die in unserer Gesellschaft so wichtig sind, auch durchführen zu können, Ausdauer und keine Resignation. 

 

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Ehrenamtspreis des Flüchtlingsrates NRW

Mit dem Ehrenamtspreis möchte der Flüchtlingsrat NRW das ehrenamtliche Engagement von in der Flüchtlingshilfe aktiven Initiativen und Einzelpersonen in NRW ehren und diese in ihrer Arbeit stärken.

Weitere Informationen zum Ehrenamtspreis finden Sie hier.

Nein zur Bezahlkarte: Ratsbeschlüsse aus nordrhein-westfälischen Kommunen

In dieser regelmäßig aktualisierten Übersicht dokumentiert der Flüchtlingsrat NRW, welche Kommunen sich bisher gegen die Einführung einer Bezahlkarte für Schutzsuchende entschieden haben.

Die Übersicht finden Sie hier.

Keine Propaganda auf Kosten von Flüchtlingen - Neue Arbeitsshilfe und Flyer

Als Flüchtlingsrat NRW fördern wir die Sensibilisierung und Aufklärung der Öffentlichkeit über die Situation von Flüchtlingen und setzen uns aktiv gegen menschenverachtende Ideologien ein, um Propaganda auf Kosten von Flüchtlingen entgegenzuwirken.

Die Argumentationshilfe gegen Vorurteile finden Sie hier.

Den Flyer können Sie hier runterladen. Gegen die Übernahme der Portokosten ist er zudem kostenlos bei uns bestellbar. 

Broschüre zum Engagement für Flüchtlinge in Landesunterkünften

Der Flüchtlingsrat NRW hat die Broschüre „Ehrenamtlich engagiert – für Schutzsuchende in und um Aufnahmeeinrichtungen des Landes NRW“ aktualisiert (Stand September 2025).

Die Broschüre können Sie hier herunterladen.

Kooperations- und Fördermöglichkeiten für flüchtlingsbezogene Veranstaltungen und Projekte

Broschüre des FR NRW, Stand November 2025, zu verschiedenen Institutionen, die fortlaufend für eine finanzielle Unterstützung von flüchtlingsbezogenen Projekten und Veranstaltungen, insbesondere zu flüchtlingspolitischen Themen, angefragt werden können.

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Forum Landesunterbringung

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